Transformation der Stadtlandschaft durch partizipative Tanz-Performance: Vom Raum der Abgrenzung zum Raum der Begegnung

Vortrag
Sitzungstermin
Freitag (22. September 2023), 14:30–16:00
Sitzungsraum
HZ 13
Autor*innen
Anna Yukelson (Stadtplanungsamt Frankfurt am Main)
Petra Kanamueller (Magistrat der Stadt Frankfurt am Main - Stadtplanungsamt)
Kurz­be­schreib­ung
Der Vortrag schlägt ein Konzept für eine partizipative Tanzperformance vor, mit dem Ziel, ein neues Raumbild für den Bereich der Passage zwischen dem zentralen Frankfurter Platz Konstablerwache und der Straße An der Staufenmauer zu gestalten. Das Konzept stellt eine Möglichkeit dar, die bestehende räumliche Situation der Abgrenzung durch künstliches Handeln neu zu interpretieren, um den Raum temporär als Begegnungsraum zu begreifen.
Schlag­wörter
Stadtlandschaft, Performance, Partizipation, Gestaltung des öffentlichen Raums, Kunst im öffentlichen Raum

Abstract

Der Vorschlag lädt dazu ein, eine partizipative Tanzperformance zu konzipieren, um ein neues Raumbild für den Raum um die Passage zwischen dem zentralen Frankfurter Platz Konstablerwache und der Straße An der Staufenmauer zu gestalten.

Die Passage zwischen dem Platz Konstablerwache und der Straße An der Staufenmauer befindet sich fast genau an der Stelle, an der sich das Nordtor des jüdischen Ghettos von Frankfurt befand. Während der fast fünf Jahrhunderte des Bestehens des jüdischen Ghettos in Frankfurt, einem der wichtigsten Zentren jüdischer Kultur in Europa, markierte der Raum klare räumliche und soziale Grenzen. Die heutige räumliche Situation, fast zwei Jahrhunderte nach dem Abriss des Ghettotors, spiegelt die Machtverhältnisse der Vergangenheit wider, zeichnet eine physische Abgrenzung des städtischen Raums und weist auf vielfältige Situationen aktueller sozialer Abgrenzungen hin. Der enge, leicht verwinkelte Durchgang, der sich etwa abseits des Stadtplatzes befindet, wird oft als Treffpunkt von Menschen genutzt, die nicht so gerne gesehen werden wollen. Vor allem in den dunklen Stunden bietet der Raum wenig Gefühl der Sicherheit.

Der Straßenraum direkt hinter der Passage nimmt den Verlauf des ehemaligen Ghettos auf und birgt in unmittelbarer Nachbarschaft diverse Nutzungen. Hier finden sich unter anderem Spielhallen, Restaurants, Wohnhäuser, Hinweise auf die ehemalige Synagoge und Einrichtungen für verschiedene Jugendgruppen, wie das KUSS 41, das Queer-Jugendzentrum Frankfurt. Häufig treten Konflikte zwischen den Nutzern dieses städtischen Raums zutage.

Eine tänzerische und partizipatorische Choreografie für und an diesem städtischen Raum lädt dazu ein, die historischen und kulturellen Besonderheiten des Raumes aufzudecken und bietet den Menschen und Gruppen, die sich hier aufhalten und passieren, die Möglichkeit, sich zu zeigen und auszudrücken.

Die Choreographie legt ein Grundkonzept zugrunde auf Basis einer rabbinischen Praxis Iruv (Hebräisch: Durchmischung). Dieser bezieht sich auf die Regeln für den wöchentlichen Feiertag Schabat, die privateren Handlungen im Raum festgelegen. In der jüdischen Tradition bezeichnet die Praxis von Iruv eine symbolische Erweiterung des privaten und auch gemeinschaftlichen Raumes in den Außenraum durch temporäre Aufhebung von alltäglichen Grenzen. Der öffentlicher Raum wird im Sinne des Iruvs durch Handlungen und symbolische Präsentation transformiert und ausgedehnt.

Durch dieses Angebot zur „Ausdehnung“ und der Möglichkeit sich zu zeigen und zu präsentieren – vor dem Haushalt, vor der Synagoge, vor den Toren des ehem. jüdischen Ghettos und nun heute vor dem Eingang zur ehemaligen Judengasse / Börnestraße – bekommen die heute hier anwesenden Menschen die Möglichkeit zur Begegnung, Austausch und Überwindung von Grenzen.