Zukunftsfähige Wald-Orte gestalten

Vortrag
Sitzungstermin
Mittwoch (20. September 2023), 11:00–12:30
Sitzungsraum
HZ 4
Autor*innen
Jutta Kister (Universität Innsbruck)
Kurz­be­schreib­ung
In den aktuellen Debatten um eine nachhaltige Zukunftsgestaltung werden Wäldern zunehmende Relevanz zugeschrieben. Das "gemacht werden" von Wald-Orten soll anhand einer prozessorientierten Perspektive empirisch untersuchbar gemacht werden.
Schlag­wörter
Orte, soziale Praktiken, Wälder, Zukunft, Mensch-Umwelt-Beziehungen

Abstract

In den aktuellen Debatten um eine nachhaltige Zukunftsgestaltung von Räumen werden Wälder in multifunktionaler Hinsicht thematisiert. Es wird erwartet, dass Wälder und Holz aufgrund der Kapazität, langanhaltend CO2 zu speichern, eine wichtige Rolle bei der Klimaregulierung und bei der Abschwächung der negativen Auswirkungen der globalen Erwärmung für die Menschheit spielen wird. Vor diesem Hintergrund definieren nationale und supranationale politische Strategien die Anforderungen an den „klimafiten“ Wald, um für eine - schwer kalkulierbare - Zukunft gerüstet zu sein. Diese Strategien können als Praktiken der Herstellung von Räumen verstanden werden, die wiederum wirkmächtige Strukturen und Vorgaben für die Waldbewirtschaftungspraktiken vor Ort vorgeben. Waldorte werden also im Zuge einer zeitgemäßen Nachhaltigkeits- und Klimapolitik neu konzipiert und definiert. Dabei treffen politische Ziele wie “klimafitte Wälder” auf unterschiedliche etablierte Vorstellungen der ortsspezifischen forstlichen Praxis.

Die Temporalität der Waldbewirtschaftung bewirkt, dass sich aktuelle Waldpraktiken erst in einigen Jahrzehnten materiell voll darstellen. Man kann also daraus schließen, dass die Gestaltung des Waldes schon immer auch die Planung der Zukunft des Ortes beinhaltet hat. Wälder und Waldpraktiken sind folglich ideale Untersuchungsobjekte für zukunftsorientierte Praktiken des (nachhaltigen?) ‘place-makings‘, werden aber in der geographischen Forschung bislang vernachlässigt.

Shove et al. (2012) gehen davon aus, dass sich in sozialen Praktiken individuelle Aktionen und Strukturen fortlaufend ko-konstituieren und aufeinander beziehen. Daraus folgt, dass sozialer Wandel im „gemacht-werden“ von Orten stetig fortgeschrieben wird. Praktiken müssen fortwährend reproduziert werden, um langfristig Bestand zu haben. Eine prozesshafte Perspektive auf raumbildende Praktiken erlaubt, historisch gewordene Materialitäten, traditionell perpetuierte Praktiken und Vorstellungen von Wald ebenso zu erfassen, wie sich wandelnde Praktiken und deren Bedeutungen. Diese Präsentation möchte einen konzeptionellen Ansatz umreißen, um die Ko-Konstitution ortsbildender Praktiken am Beispiel zukunftsorientierter Waldbewirtschaftung empirisch zu erforschen.

Shove, Elizabeth; Pantzar, Mika; Watson, Matt (2012): The dynamics of social practice. Everyday life and how it changes. Los Angeles, London, New Delhi, Singapore, Washington DC: Sage.