Partizipation in der qualitativen Geographie: Perspektiven auf soziale Verantwortung in Forschungspartnerschaften

Fachsitzung
Lightning Talks
Sitzungs-ID
FS-475
Termin
Freitag (22. September 2023), 11:00–12:30
Raum
HZ 13
Sitzungsleitung
Nora Winsky (Universität Freiburg)
Dana Ghafoor-Zadeh (PH Freiburg)
Everjoy Grace Chiimba (JGU Mainz)
Kurz­be­schreib­ung
Können partizipative Ansätze das Hierarchiegefälle in der qualitativen Forschung überwinden? Die aktuelle Popularität partizipativer Ansätze wird zum Anlass genommen, um forschungsethische, -praktische und methodologische Fragen zu diskutieren.
Schlag­wörter
Methoden, Feldforschung, Aktivistische Forschung, Forschungsethik, Partizipation, English-language session
María Eugenia Winter (Céspedes Giménez) (Goethe-Universität Frankfurt)
Partizipation in der qualitativen Geographie: Dekoloniale Forderung
Nathalie Sänger (UN University)
Simone Sandholz (UN University)
Toolbox: Koalitionsbildung für Nachhaltigkeitstransformation

Abstract der Sitzung

Wissenskoproduktion, Kollaboration und Ermächtigung sind nur einige der Schlagwörter, die fallen, wenn über die Vorteile partizipativer Verfahren diskutiert wird. Partizipative Forschung (u.a. unter action research zusammengefasst) beschreibt das Einbeziehen nicht-wissenschaftlicher Akteur:innen in den Forschungsprozess. Das Verhältnis zwischen den ehemals „Forschenden“ und „Beforschten“ wird im partizipativen Paradigma unter feministischen und postkolonialen Einflüssen neu gedacht und als partnerschaftlich konzipiert. Partizipative Forschung beabsichtigt, das Hierarchiegefälle zu überwinden und eine forschungsbezogene Partnerschaft zu kreieren, von der im besten Fall alle Beteiligten profitieren. Dass hierbei Anspruch und Realität auseinanderklaffen, wird vermehrt von Wissenschaftler:innen kritisch reflektiert. Umso wichtiger erscheint es uns, explizit auf soziale Verantwortung und forschungsethische Dimensionen in der partizipativen Forschung zu blicken.

Die vielfältigen partizipativen Methoden (z. B. partizipatives Kartieren, reflexive Fotografien, Gruppendiskussionen, performative und mobile Ansätze sowie Reallabore) eint eine aktivistische Dimension, die auf soziale Transformation abhebt. Adressat:innen und Mitwirkende partizipativer Projekte stellen häufig Personengruppen dar, die einseitigen Betrachtungsweisen im gesellschaftlichen Diskurs unterliegen und über eine eingeschränkte Handlungsmacht verfügen. Hierzu zählen bspw. Kinder und Jugendliche, alte Menschen, Menschen mit Behinderung und Migrant:innen, Menschen im Globalen Süden, in ländlichen Räumen sowie städtischen Peripherien. Zu diskutieren wäre, wie sich soziale Verantwortlichkeiten in den Forschungspartnerschaften verschieben und inwiefern eine Beteiligung an den jeweiligen Lebenswelten überhaupt gleichberechtigt erfolgen kann, wenn die Involvierten bspw. über unterschiedliche ökonomische, soziokulturelle und sprachliche Ressourcen verfügen.

Wir möchten die aktuelle Popularität partizipativer Ansätze in der qualitativen Geographie als Anlass nehmen, um kritisch-reflexiv nach sozialen Verantwortungen zu fragen: Welche Formen der Wissenskoproduktion wurden erprobt und welche Chancen und Herausforderungen lassen sich daraus ableiten? Wie kann Partizipation das hierarchische Gefälle zwischen Wissenschaftler:in und Partizipierenden im Forschungsprozess überwinden? Wie kann sichergestellt werden, dass partizipative Forschung nicht nur Forschung in bestimmten Lebenswirklichkeiten legitimiert? Wie kann sie in gesellschaftliche Veränderung münden, um den selbst formulierten aktivistischen Anspruch einzulösen ?

Wir freuen uns über Beiträge in deutscher und englischer Sprache, die zur gemeinsamen Diskussion und Reflexion über partizipative Forschung in der Humangeographie beitragen. Die geplante Lightning Session mit max. 10 Kurzbeiträgen soll dazu einladen, das Feld der partizipativen Forschung aus forschungsethischen, -praktischen und/oder methodologischen Perspektiven auszuleuchten.

English summary

Participatory research (also referred to as action research) describes the inclusion of non-scientific actors in the research process. We would like to take the current popularity of participatory approaches in qualitative geography as an opportunity to ask critically and reflexively about social responsibilities: What forms of knowledge co-production have been tried out and what opportunities and challenges can be derived from them? How can participation overcome the hierarchical divide between researcher and participant in the research process? How can it be ensured that participatory research does not only legitimize research in certain life worlds? How can it lead to social change to fulfill the self-formulated activist claim?

We are looking forward to short presentations in German and English that contribute to the joint discussion and reflection on participatory research in human geography. The planned lightning session aims to illuminate the field of participatory research from research-ethical, -practical and/or methodological perspectives.